Tormentoso … Vaya con dios o con San Miguel

Michael ist leidenschaftlicher Wanderer und Entdecker.
Er liebt es, seine Eindrücke in Reiseberichten zu verarbeiten und andere mit wertvollen Impulsen zu beglücken.

Sturm
28. November, Bodenaya → Campiello
Das Unheil bricht nachts herein.  
 Boom! – durchgehend folgt in kurzen Abständen ein Donnerschlag dem nächsten, draußen pfeift heftiger Sturm, Hagel trommelt auf das Dach, Regen peitscht gegen die Fenster, der scharfe Wind rüttelt unerbittlich an den Fensterläden. Es ist eiskalt, gruselig, unheimlich und stockfinster. Wäre dies ein Harry-Potter-Roman, würden jetzt Dementoren auftauchen. 
In meinem kalten Bett bibbere ich trotz der Wolldecke die ganze Nacht und finde keine Sekunde Schlaf, bis Lichter von Taschenlampen die Dunkelheit durchdringen und damit ankündigen, dass die Ersten mit Packen beginnen.
[…]
 Auf einem Berggipfel rechts von mir tobt sich das Gewitter aus. Was für ein Glück, denke ich, als es abdriftet, von mir wegzieht und der Regen etwas nachlässt. Der Weg beschreibt eine Rechtskurve, eine Pilgerstatue blickt mich aus dem Schnee an und unter mir taucht die Stadt Tineo auf. Das Gewitter hat seine Richtung geändert, befindet sich jetzt genau über mir und entlädt unter lauten Donnerschlägen das kalte Nass, unerbittlich.
 Als ich Tineo durchquere, stapfe ich an einer Gruppe von Spaniern vorbei. Ein jüngerer Mann schaut mich verdutzt an. Kurz darauf schüttelt er sich vor Lachen. Ich höre, wie er zu den anderen in Spanisch sagt: verrückt, bei so einem Wetter zu wandern.
 Auf einem Pfad durch den Wald offenbart sich das Resultat der Zerstörungswut der vergangenen Sturmnacht. Wild durcheinandergefegtes Buschwerk, abgerissene Äste, entwurzelte Bäume, einer hat sich quer über den Weg gelegt, so dass ich eine Entscheidung treffen muss: darüber klettern oder darunter hindurch? […] Gummistiefel wären von Nutzen, um dem Camino über die überschwemmten Pfade zu folgen. 
 Der Weg führt aufwärts, etwas Schnee ist am Wegesrand liegengeblieben. Nicht viel, aber genug, um mir einen Wunsch zu erfüllen: einen Schneepilger zu errichten! Zwei Kastanien als Augen, ein Blatt als Nase, ein zweites als Mund, einen Zweig als Pilgerstab und meine Mütze obendrauf. Einen Moment bestaune ich mein Werk und nehme viele Fotos auf. Zum Schluss nehme ich dem Pilger die Mütze wieder weg, ziehe sie über meinen Kopf und setze den Weg fort mit den Gedanken: werden die spanischen Pilger hier später vorbeikommen und mein Kunstwerk bestaunen?

Schneepilger in der Nähe von Tineo, el peregrino de nieve (c) 2012, Michael Sohmen


Verfasst von/ Autor:
Michael Sohmen, 2015, erschienen als E-Book,
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